Alle Beiträge

Castells: Türme aus Menschen

Wie die katalanischen Menschentürme funktionieren, was „3de8“ bedeutet und wo man sie in Barcelona am besten sieht.

Gerasterte Karte der katalanischen Küste mit Markierung in Barcelona

Ein Platz voller Menschen, Stille, nur die gralles – schrille Holzblasinstrumente – spielen eine Melodie. In der Mitte wächst ein Turm aus Körpern, Schicht um Schicht, bis ganz oben ein Kind steht und kurz die Hand hebt. Dann bricht Jubel los. Das sind die Castells, die Menschentürme Kataloniens.

Eine Tradition aus Valls

Die Castells entstanden Ende des 18. Jahrhunderts in Valls bei Tarragona und haben sich von dort über ganz Katalonien verbreitet. Seit 2010 gehören sie zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Ihr Motto fasst den Geist gut zusammen: força, equilibri, valor i seny – Kraft, Gleichgewicht, Mut und Besonnenheit.

Wie ein Castell aufgebaut ist

  • Pinya: die breite Basis aus Dutzenden, manchmal Hunderten Menschen, die sich ineinander verschränken. Sie trägt das Gewicht und fängt im Notfall auf.
  • Tronc: der eigentliche „Stamm“ des Turms, Stockwerk für Stockwerk.
  • Pom de dalt: die obersten Ebenen, gebildet von Kindern. Ganz oben klettert die enxaneta hinauf und hebt die Hand – das ist die aleta.

Ein Castell gilt als carregat, wenn die enxaneta oben angekommen ist, und als descarregat, wenn er danach auch wieder sauber abgebaut wurde. Erst dann ist er wirklich geschafft.

Was bedeutet „3de8“?

Die Namen sind eine Art Formel: Die erste Zahl gibt an, wie viele Menschen pro Stockwerk stehen, die zweite, wie viele Stockwerke es gibt. Ein 3de8 hat also drei Personen pro Ebene und acht Ebenen. Ein pilar ist ein Turm mit nur einer Person pro Ebene – besonders schwierig.

Wo man Castells in Barcelona sieht

  • Plaça de Sant Jaume während der Mercè Ende September – der klassische Ort, mit mehreren Gruppen nacheinander.
  • Bei den Festes Majors der Viertel, etwa in Gràcia oder Sants.
  • Wer richtig große Türme sehen will: Alle zwei Jahre findet im Herbst in Tarragona der große Castells-Wettbewerb statt.

Die Gruppen – die colles – trainieren das ganze Jahr. Viele bieten offene Probenabende an, bei denen Zuschauer willkommen sind.

Tipps zum Fotografieren

  • Früh da sein, um einen Platz mit Blick zu bekommen. Ein leicht erhöhter Standpunkt – eine Treppe, ein Mauervorsprung – hilft enorm.
  • Der entscheidende Moment ist die aleta. Er dauert nur Sekunden, also vorher scharfstellen und den Ausschnitt festlegen.
  • Ein leichtes Tele (85–135 mm) holt die Gesichter oben heran, ein Weitwinkel zeigt die Pinya und die Menge.
  • Auf Film: ISO 400 bei Tageslicht und 1/500 s, damit die Bewegung eingefroren wird.

Und zwischendurch die Kamera auch mal sinken lassen: Wenn der Turm steht und der ganze Platz den Atem anhält, ist das ein Moment, den man auch ohne Sucher erleben sollte.